Meine diesjährige Reise in den Libanon fand im Mai statt – ein sonniger, warmer und angenehmer Monat, wie ich dachte und wie mir auch jeder Reiseführer bestätigte. Zumindest das Wetter würde anders sein als bei meinen bisherigen Reisen, die immer im Winter stattfanden. Die Arbeit mit geistig Behinderten in der Einrichtung „baytouna al jadid“ kannte ich ja schon. Erst während ich diesen Bericht schreibe fällt mir auf, wie schwierig es ist, meine Tätigkeit in der Einrichtung, das Leben und Arbeiten in der Werkstatt zu beschreiben, ohne auf bestimmte
„widrige“ Umstände einzugehen, die uns alle dort begleiteten und unser Leben mitbestimmten. Ich werde also kurz auf diese äußeren Bedingungen eingehen, um die Gesamtsituation verständlicher zu machen. Vorherrschend war dies vor allem die schwierige politische Lage – die sich während meinem Aufenthalt zuspitzenden Auseinandersetzungen zwischen libanesischer Armee und Extremisten in einem Flüchtlingslager im Norden des Landes und den darauf folgenden Bombenanschlägen in Beirut und im Schuf. Wir waren davon zwar nicht unmittelbar betroffen und in den Bergen relativ sicher, sie waren dennoch nur ca. 25 Kilometer von uns entfernt und deutlich hörbar. (Da meine Ohren nicht auf das Identifizieren solcher Geräusche trainiert sind, schlief ich seelenruhig weiter, während alle anderen aus dem Schlaf hoch schreckten. Die Reaktion eines Mädchens auf meine Frage, wie sich denn eine Bombe anhören würde: “Was, du hast noch nie eine Bombe gehört?“, machte mir erschreckend deutlich bewußt, wie sehr dies im Libanon zum Alltag gehört.) Und trotzdem die Angst der Leute deutlich spürbar war, man Fahrten in die Hauptstadt und ins Umland mied, man überall mit verstärkten Verkehrskontrollen rechnen musste und die Leute fest davon überzeugt waren, in diesem Sommer würde erneut ein Krieg ausbrechen – trotz allem war es für mich erstaunlich und bewundernswert zu erleben, wie die Leute in solch unsicheren Zeiten einfach weitermachen, ihrem Alltag nachgehen, arbeiten, einkaufen, nebenbei die von Bomben zerstörten Fensterscheiben durch neue ersetzen – und Feste feiern, natürlich mit Feuerwerken… deren Klang dem von Bombenexplosionen ähnelt, weshalb das Entzünden von Feuerwerk kurzzeitig verboten wurde. Dennoch bleibt für viele Menschen als einzige Perspektive nur die Auswanderung, die seit dem letzten Krieg enorm zugenommen hat. Um so beeindruckender finde ich, dass es Leute gibt, die in solchen Zeiten an das Gute glauben und trotz aller Schwierigkeiten nicht nur weiter machen, sondern den Mut finden, Neues zu erschaffen. Wie beispielsweise Charbel Sfeir, der die Behinderteneinrichtung „baytouna al jadid“ gründete, deren Bestehen fast permanent nicht nur durch die politische Situation sondern auch durch finanzielle Engpässe und die enorme Fluktuation von Vereinsmitgliedern, die das Land verlassen, gefährdet ist. Und es funktioniert: Die Einrichtung besteht nun schon seit fünf Jahren und entwickelt sich weiter, allen Widerständen zum Trotz.
Meine Reise wurde außerdem von mehreren Ereignissen überschattet – und vom schlechten Wetter. Mit fast drei Wochen dichtestem Nebel, der sogar zu den geöffneten Fenstern in die Zimmer quoll und damit zusammenhängender Kälte und ungemütlicher Feuchtigkeit hatte ich nicht gerechnet. Jedes Kleidungsstück, das ich aus dem Schrank nahm, war unangenehm klamm. Überhaupt hatte ich völlig falsch gepackt: Meine einzige Jeans trug ich fast ununterbrochen – Waschen konnte ich sie nicht, denn bei diesem Wetter trocknete sowieso nichts.
Ein einschneidendes Ereignis war der plötzliche Tod des Vaters von Bolos und Botros, zwei Behinderten, deren Mutter schon verstorben war und die nun auf sich alleine gestellt waren. Die Einrichtung wurde für mehrere Tage geschlossen, so dass direkte Hilfe in der Familie geleistet werden konnte. Niemand in der Großfamilie könnte sich längerfristig um die beiden kümmern, so dass es nur zwei Möglichkeiten geben würde: Entweder würde man für die beiden einen Platz in einem Behindertenwohnheim finden (diese sind jedoch sehr rar und kostenintensiv) oder sie kämen in die staatliche Psychiatrie (die absolut nicht den deutschen Standards entspricht), wo sie notdürftig versorgt, jedoch keine weitergehende Förderung und
Betreuung erhalten würden und sie außerdem völlig fehl am Platz wären, da sie ja nicht psychisch krank sind. Bevor noch eine Lösung gefunden worden war, kam Botros, der Ältere der Beiden, mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus – und verstarb wenige Tage später. Übrig blieb Bolos und mit ihm die Frage, was aus ihm werden sollte. Ein eigenes Wohnheim zu gründen ist schon lange ein Ziel von „baytouna al jadid“. Bisher fehlte es jedoch an den finanziellen Mitteln und damit der Mut, einfach anzufangen. Durch die Überlegung, wo Bolos unterkommen könnte, rückte dieses Ziel wieder in den Mittelpunkt.
Außer Bolos müsste auch Samira untergebracht werden – sie ist in ihrer Familie nicht mehr tragbar, in letzter Zeit gab es dort zunehmend Probleme und gewalttätige Auseinandersetzungen.
Mein Aufenthalt war folglich bestimmt von diesen unvorhergesehenen Ereignissen. Insgesamt verbracht ich vier Wochen in der Behinderteneinrichtung, in der 8-10 geistig behinderte Erwachsene in einer Werkstatt arbeiten, in der sich seit meinem letzten Besuch viel verändert
hat. So werden sie mittlerweile von drei hauptamtlichen Mitarbeitern betreut. Diese im Vergleich zum Vorjahr verbesserte Personalisierung ermöglicht eine intensivere Arbeit mit den Behinderten. Nun ist sowohl eine Arbeit in Kleingruppen als auch eine individuelle Einzelförderung möglich. Jeder Behinderte hat einmal pro Woche eine Förderstunde, die ganz auf seine Bedürfnisse und Interessen zugeschnitten ist. Der eine lernt momentan das Lesen der Uhr, ein anderer das Erkennen von Farben, ein Dritter den Umgang mit Geld etc. Besonders beeindruckt hat mich Bolos, der nach einem Schlaganfall kaum sprechen und seine rechte Hand nicht mehr benutzen kann und nun mit viel Mut lernen muß, jeden Handgriff mit links auszuführen und dabei immerzu seine Fröhlichkeit bewahrt. Durch die erhöhte Mitarbeiterzahl kann wesentlich professioneller gearbeitet werden. Es ist nun auch möglich, bestimmte Aktivitäten (z.B. Musik und Theater) zu zweit anzubieten, wobei einer die Gruppe leitet, der andere beobachtet und protokolliert. Dadurch werden Entwicklungen und Fortschritte deutlicher und sind schriftlich dokumentiert. Interessant fand ich in der Musikgruppe, in der gerade das Thema Rhythmus behandelt wurde, dass alle Behinderten ein ausgesprochen gutes Rhythmusgefühl haben. Dies ist jedoch nur vorhanden, wenn Musik gespielt wird, zu der geklatscht und getanzt werden kann. Sollen Rhythmen einfach nur nachgeklatscht werden, sind bei allen Behinderten deutliche Defizite erkennbar.
Mittlerweile existiert ein gut durchstrukturierter Stundenplan für die ganze Woche. Dieser beinhaltet neben den Einzel- und Gruppenaktivitäten auch Zeiten für Vorbereitung und Teamgespräche. Hauptaktivität ist nach wie vor die Herstellung von Gipsbildern. Die Behinderten haben darin enorme Fortschritte gemacht. Auch von den Eltern der Behinderten kommt immer wieder die Rückmeldung, dass sich ihre Kinder, seitdem sie in der Einrichtung arbeiten, sehr zu ihrem Vorteil verändert hätten, sowohl in Bezug auf soziale Kompetenzen als auch in der Entwicklung manueller Fähigkeiten.
Schwerpunkte meiner Arbeit in der Werkstatt waren das Verpacken von Seife (die hier in Deutschland verkauft wird) und das Schöpfen von Papier, aus dem wir Karten herstellten. Vor allem das Papierschöpfen wurde erschwert durch die äußeren Bedingungen: Das neblige feuchte Wetter machte das Trocknen des Papiers quasi unmöglich und durch den häufigen Stromausfall konnten wir meistens den elektrischen Papiermixer nicht benutzen. Dennoch konnten wir über 100 Karten herstellen, die ich hier zu Gunsten der Einrichtung verkaufe. Mir wurde diesmal sehr bewusst, wie stark diese äußeren Bedingungen das Leben im Libanon beeinträchtigen und die Menschen darin trainiert, flexibel zu bleiben und zu improvisieren,
was für mich auf den ersten Blick als sprunghaft und unstrukturiert wirkte. Diese Improvisationskunst habe ich mittlerweile sehr zu schätzen gelernt und ich stelle mir immer wieder vor, wie wir Deutschen reagieren würden, wenn täglich alle vier Sunden für vier Stunden der Strom ausfallen würde? (Dies ist übrigens eine Sparmaßnahme des Staates undmich habe gehört, dass der Strom demnächst noch länger gekappt werden soll).
Die Werkstatt ist innerhalb des Hauses umgezogen: Sie befindet sich nun nicht mehr im Keller sondern im Erdgeschoß, direkt an einer Hauptverkehrsstraße und ist dadurch wesentlich sichtbarer für die Öffentlichkeit. Und sogar im Ort ist die Einrichtung ausgeschildert. Die neuen Räumlichkeiten sind schöner, offener und heller als vorher. „Baytouna al jadid“ wird als Einrichtung immer bekannter, ein Ziel, welches kontinuierlich
verfolgt wird. In mehreren Schulen fanden Präsentationen statt und es wurden Gipsbilder zum Anmalen verkauft – gleichzeitig gab es Gelegenheit, sich untereinander auszutauschen. Dadurch wurden Berührungsängste abgebaut und man erhofft sich für die Zukunft, durch diesen Austausch das Interesse der Schüler für evtl. Praktika zu wecken. Auch die Bevölkerung im näheren Umfeld verliert mehr und mehr ihre Hemmungen und Berührungsängste. Bei vielen ist der Wunsch entstanden, zu helfen. Da den Meisten hierzu die finanziellen Mittel fehlen, helfen sie vor allem durch Sachspenden.
Die finanzielle Abhängigkeit von den Vereinen „al hayat“ und „Litanie“ in Deutschland und Frankreich wird jedoch weiterhin bestehen bleiben, denn der Verkauf von eigenen Produkten bringt nur einen Bruchteil der dringend benötigten Gelder. Staatliche Unterstützung gibt es nach wie vor nicht: Diese wird erst gewährt, wenn die Einrichtung eine bestimmte Größe (mindestens 20 Behinderte) erreicht hat, entsprechende Räumlichkeiten, ein multiprofessionelles Team und angemessene Gehaltszahlungen aufzuweisen hat. Erst wenn diese Bedingungen erfüllt sind, würde der Staat 15 – 20 % des benötigten Budgets zahlen.
Um selbst zusätzlich etwas mehr Geld einzunehmen, wurden in den letzten Wochen 20 Spendenkisten in verschiedenen Geschäften an den Kassen verteilt. Auch auf administrativer Ebene waren Veränderungen sichtbar: Mittlerweile ist über jeden Behinderten eine Akte angelegt. Es gibt eine Vielfalt von Dokumentation, z. B. Eingänge von Sach- und Geldspenden, Budgetierung, Fahrtenbücher, Teamgespräche… ,was viel Transparenz schafft. Schon lange wird überlegt, eine Wohngruppe für Behinderte zu öffnen. Der Bedarf hierfür zeigte sich in der Vergangenheit immer häufiger.
So bot sich der Aufenthalt von Clara (aus Deutschland) und mir geradezu dazu an, Samira (einer Behinderten) ein Probewohnen zu ermöglichen. Dies stellte sich aufgrund der sprachlichen Barrieren als recht schwierig heraus – wir konnten uns nur mit Händen und Füßen unterhalten, was viele Missverständnisse mit sich brachte. Wir waren deshalb häufig mit ihr unterwegs und haben Leute besucht, die sich mit ihr in ihrer Sprache unterhalten konnten. Dies brachte jedoch neue Schwierigkeiten mit sich, denn Samira erzählte am nächsten Tag immer triumphierend von ihren Besuchen und Unternehmungen, worauf die anderen Behinderten sehr eifersüchtig reagierten.
Um dies zu ändern und schon ein bisschen Gemeinschaftsgefühl aufkommen zu lassen, überlegten wir, dass wir mehr Leben in unser bescheidenes „Heim“ holen müssten. Wir bauten dafür einen Grillplatz vor dem Haus und luden verschiedene Leute ein, mit uns den Abend am Feuer und bei gegrillten Spezialitäten zu verbringen, was sehr nett war. Ich wünsche mir, dass dieser Grillplatz noch häufig benutzt wird. Nebenbei arbeiteten wir konzeptionell an der Frage, was noch benötigt wird, um endgültig ein Wohnheim öffnen zu können. Dieses Heim besteht jetzt seit etwa einem Monat. Es wurde aus der Not heraus geboren. Dort wohnen Samira und Bolos mit einer Betreuerin, Madeleine, eine Libanesin, die vorher in einer Schweizer Arche gearbeitet hat. Um dieses Projekt zu realisieren, mussten die Räume eine ganze Reihe Frauen aus der Gemeinde, die angeboten haben, regelmäßig zu kochen.
Darüber hinaus werden natürlich weiterhin Gelder benötigt, vor allem für Miete und das Gehalt von Madeleine. Dieser Bericht soll jedoch in erster Linie nicht dem Aufruf von Spenden dienen, sondern vielmehr Informationen geben an alle, die bisher gespendet haben, und zeigen, dass sich die
Spende gelohnt hat und damit innerhalb von kurzer Zeit in einem Land mit permanenten Unruhen erstaunlich viel realisiert werden konnte. Ich möchte an dieser Stelle im Namen aller Mitglieder von „baytouna al jadid“ all denjenigen danken, die in irgendeiner Form, durch finanzielle oder seelisch-moralische Unterstützung dazu beigetragen haben, das Fortbestehen und die Weitereinwicklung der Einrichtung zu unterstützen.
