Liebe Freunde und Förderer von al hayat e.V.,
die Advents- und Weihnachtszeit naht mit schnellen Schritten und damit auch der Moment, an dem wir auf das vergangene Jahr unserer Vereinsarbeit und die uns erreichenden Nachrichten aus dem Libanon zurückschauen. Wir bedanken uns hiermit ganz herzlich für Ihre Unterstützung, die es uns ermöglicht, die Behinderteneinrichtung Baytouna al-Jadid seit nunmehr 15 Jahren zu begleiten.
Es ist viel passiert: Ende des letzten Jahres hatten wir zu Spenden aufgerufen, um die Einrichtung beim Kauf eines Kleinbusses finanziell zu unterstützen. Viele haben sich anregen lassen und gespendet und so ist es gelungen, dieses Projekt endlich in die Tat umzusetzen. Durch den Bus hat sich der Aktivitätsradius von Baytouna al-Jadid stark erweitert. Insbesondere diejenigen, die im Heim unterkommen, können nun Ausflüge ans Meer oder in die nähere Umgebung machen, selbst Einkäufe erledigen oder aber andere soziale Einrichtungen besuchen.
Baytouna al-Jadid beherbergt derzeit 15 Personen. 11 Behinderte wohnen im Heim und 4 kommen tagsüber als Externe hinzu. Sie werden von 3 Personen betreut, die im Heim arbeiten und leben und 2 weiteren Personen, die täglich zu den Atelierarbeiten hinzukommen. Die Stabilität des 5-köpfigen Teams trägt dazu bei, dass die Behinderten viel Sicherheit erleben und sich entwickeln können. Ich habe an dieser Stelle bereits des Öfteren von Maya berichtet, einer jungen Frau, die zu Beginn vor allen Dingen durch ihre Aggressivität auffiel. Nicht nur die Umgebung der Einrichtung sondern auch die anderen Mitbewohner fanden das Leben mit ihr kaum haltbar. Heute fällt sie vor allen Dingen durch ihre Lebendigkeit auf und wenn sie einmal einen Tag nicht da ist, dann fragen die anderen „Warum ist es denn so ruhig? Maya fehlt uns.“ Neben der engen Begleitung führten vor allen Dingen die Umstellung der jahrelangen massiven Medikation, eine gesündere Ernährung und intensive Elternarbeit zu einem Rückgang der inneren und äußeren Spannungen. Maya geht es inzwischen besser und zuletzt war es Elias, der um sich schlug, Gegenstände zerstörte und abends nicht zur Ruhe kam… Diese Prozesse und Veränderungen brauchen bei jedem Einzelnen viel Zeit und Geduld.
Im Frühjahr erreichte uns die traurige Nachricht, dass innerhalb nur einer Woche zwei Heimbewohner, Dolly (seit 6 Jahren bei BaJ) und Nisrine (seit 2 Jahren bei BaJ), verstorben sind. Dolly, eine junge Frau, litt unter starken epileptischen Anfällen und war am Ende einer Lungenembolie erlegen. Nisrine, mehrfach schwer körperlich behindert, saß zuletzt im Rollstuhl, konnte nicht mehr sprechen und litt unter schweren Spasmen. Ihre Mutter, die zusammen mit den drei behinderten Brüdern von Nisrine bei Baytouna al-Jadid untergekommen war, sprach davon, dass es die schönsten 2 Jahre ihres Lebens waren. Die anderen Bewohner haben die beiden Frauen zuletzt intensiv begleitet und für sie gebetet. „Sie sind in Frieden gegangen“, so Charbel Sfeir, der Leiter und Begründer der Einrichtung. Auch wenn die einzelnen Bewohner unterschiedlichen Konfessionen angehören, so treffen sie sich gemeinsam im Gebet.
Obwohl die Einrichtung bereits seit Jahren staatlich anerkannt ist, floss bisher kein Geld. Was aus deutscher Sicht schwer verständlich ist, bedeutet im Libanon Alltag und ist mit vielerlei „Klinken putzen“ bei den entsprechenden Ministerien und einer ordentlichen Portion Improvisation verbunden. Von den Eltern der Behinderten können nur 40% etwas zur Unterstützung der Einrichtung beitragen. Absurderweise wurden jedoch auch diese Zahlungen in den letzten 1,5 Jahren eingestellt, da ja eigentlich bereits ein Anspruch auf staatliche Unterstützung bestand. Umso größer war nun die Freude zu hören, dass in den letzten Wochen erstmalig staatliche Gelder an Baytouna al-Jadid überwiesen wurden. So werden die Kosten für 10 der 15 betreuten Behinderten für ein halbes Jahr übernommen. Damit einher geht die Auflage, Sanierungsarbeiten in der Einrichtung vorzunehmen und die Gehälter der Mitarbeiter (bisher bei 400 Euro/ Monat bei ähnlich hohen Lebenskosten wie in Deutschland) zu erhöhen. Aktuell werden daher die Zimmer des Heims und die sanitären Anlagen erneuert. Die Einrichtung ist jedoch nach wie vor verhältnismäßig arm und ohne die Lebensmittel- und Sachspenden, die mindestens 10% des Budgets ausmachen, käme sie nicht zurecht. „In den letzten Jahren habe ich im Radio und Fernsehen um konkrete Sachspenden für Baytouna al-Jadid geworben. Und jetzt fange ich an, um ein Grundstück zu bitten, damit wir in weiterer Zukunft keine Miete mehr zahlen müssen und mehr Platz haben. So läuft das im Libanon“, erklärt Charbel Sfeir.
Die politische und ökonomische Situation im Libanon ist nach wie vor kritisch und auch wenn das Land bisher kaum direkt vom Krieg des benachbarten Syriens betroffen ist, so prägen jedoch starke Flüchtlingsströme, Ressourcenknappheit und Angst vor Gewaltausbrüchen die Stimmung. Ich fragte Charbel wie die Behinderten damit umgehen und er berichtete, dass einige von ihnen die Nachrichten genau verfolgen und immer wieder stark verängstigt und angespannt darauf reagieren. Daraya, der Ort an dem sich die Einrichtung befindet, ist nur etwa 2 Autostunden entfernt von der syrischen Grenze… Aber gerade in diesen unsicheren Zeiten bietet Baytouna al-Jadid Schutz und Geborgenheit für alle Bewohner und insbesondere für diejenigen, die außerhalb der Einrichtung keine Familie mehr haben.
Im Namen von al hayat e.V. bedanke ich mich noch einmal bei allen, die uns bis heute und auch in Zukunft finanziell und moralisch unterstützen. Unter www.alhayat.de finden Sie wie immer Neuigkeiten über unsere Vereinstätigkeit. Wir freuen uns über Ihr Interesse.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien eine besinnliche Advents- und Weihnachtszeit,
Heide Rieder (Schriftführerin)
